München war in den 60er Jahren eine graue biedere Stadt mit hoher sozialer Kontrolle in den Nachbarschaften. Die Ideologie des „3. Reiches“ und das gleichzeitige Schweigen dazu war in allen Bereichen des Familien-Lebens noch aktiv, trug graue Anzüge und feierte fromme Fronleichnams-Prozessionen.

Dreimal am Tag läuten die Glocken aller katholischen Kirchtürme den „Engel des Herrn“, und auch wenn die Beamten nicht mehr den Hut abnehmen und beten, wie es zur königlichen Zeit bis 1918 noch vorgeschrieben war, ist der Klang doch bis heute eine Erinnerung an die alte herrschende Ordnung.

Sie war immer auch verlogen: Alle wussten irgend etwas von Priestern und Prostitution, erst viel später von Ministranten, was man damals gar nicht ausgesprochen,  ernst genommen hätte. Der Adel und das Geld hatten immer Vorrechte, die von der Polizei auch brav eingehalten und respektiert wurden.

Und dann gab es es viele Umschreibungen: Die Junggesellen, die etwas anders waren, aber ganz liebenswürdig, der „Einschichtige“ (Allein Lebende) und der, „dem keine recht war“, der Privatier und die zusammen hausenden / lebenden Witwer …

… und Ende der 60er Jahre die ersten Wohngemeinschaften, zuerst immer noch als „Kommune“ gedacht, weil das die einzige in den Zeitungen berichtete Form war, mit gemeinsamem Schlafzimmer aus lauter Matratzen, wie es in wilden Berichten mit Uschi Obermeier abgebildet war.

Da begann wohl auch die Abspaltung der Kommune2 in der Schellingstraße als schwule Wohngemeinschaft, in immer neuen Besetzungen bis heute, was einmal eine eigene Forschung bräuchte.

Im BLATT, der Stadtzeitung für München, arbeitete dann auch Peter Schult mit, zu dem sich viele Ausreißer aus den damals noch brutal schlagenden Kinderheimen einfanden: In Schwabing fanden sich immer wieder nachfolgende und Suchende der alten Bohemè, auf den Spuren von Erich Mühsam und Wedekind, deren Lieder noch in manchen Kneipen zur Gitarre gesungen wurden.

Schwule Feste, Filme und Treffpunkte standen allmählich in Artikeln und im Veranstaltungskalender, aber auch die Anklagen und Prozesse, die bundesweite Solidar-Aktion für Peter Schult, zu der die Akten im Forum liegen.

Das BLATT liegt in Sammlungen von ca 1974-1983? im www.arbeiterarchiv.de

VSG Verein für sexuelle Gleichberechtigung e.V. in der Weißenburgerstraße 26 in Haidhausen 1975? – 1982? im Keller des Schuhhaus Tretter,

Montags und freitags ab ca 19h geöffnet, an anderen Tagen auch Gruppentreffen wie die Redaktion des Kellerjournal  (liegt im www.forummuenchen.org)

Eine Beratungsgruppe, das Rosa Telefon, hatte an den offenen Abenden ein paar Stunden Dienst, ansonsten eigene Fortbildung und Supervision, die Anzeigen mit der Telefon-Nummer wurden in der Süddeutschen Zeitung um 1980 als unmoralisch noch abgelehnt, erst der Sedlmayr-Mord mit Fahndung im „Homo-Milieu“ brachte die Existenz einer anderen Orientierung in die Schlagzeilen.

Die Gruppen HALT (Homosexuelle Alternative) in der esg (Evangelische Studenten-Gemeinde in der Friedrichstraße) und die Rosa Freizeit am Bavaria-Ring waren die neuen Gruppen von Studierenden, die selbst eigene Kultur- und politische Programme sowie gemeinschaftliche Freizeitgestaltung organisierten.

Do, 13.07. GEGENKULTUR – Münchner Independent Magazine

Gegenkultur

Independent Magazine ansehen, anfassen und selber machen: Die Ausstellung GEGENKULTUR zeigt, was die Münchner Subkultur produziert – selbst gemachte Magazine, die sich als kritisches Gegenstück zum Medienalltag der Massenkultur verstehen.

Hefte, die sonst nur in Off-Spaces, Clubs oder ‚unter der Hand‘ weitergereicht werden, können in der Ausstellung durchgeblättert, entdeckt und gelesen werden. Neben den aktuellen Magazinen zum Anfassen  zeigt die Ausstellung alternative, kuriose und hochpolitische Hefte ab den 1970er Jahren zum Anschauen, die Hubert Kretschmer für das Archive Artist Publications aufgespürt und archiviert hat. Dazu sind queere Zines aus dem Archiv Forum für Homosexualität München und Punkmagazine aus den frühen 80ern aus dem Bestand von Wolfgang Diller zu sehen.

Der anschließende Workshop mit dem beißpony Artwork Team (Stephanie Müller und Klaus Dietl) wirft einen Blick „behind the zines“ und bietet die Gelegenheit, im gemeinsamen Austausch miteinander eigene Ideen umzusetzen – „zine-making isn’t about rules or knowledge, it’s about freedom and power!“

Am Donnerstag, 13.07. kommen die Macher_innen selbst zu Wort: ab 19 Uhr findet eine Lesung aktueller und historischer Texte aus der ‚Gegenkultur‘ statt.

Alle Informationen gibt es HIER.

GEGENKULTUR – Münchner Independent Magazine 2. – 28. Juli 2017 Halle der PLATFORM Details

 

 

  •  * Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing … der Anfang des Gebetes, das als Eröffnung drei mal am Tag zu beten ist, gefolgt von einer Reihe von „Gegrüsst seist du Maria“ und variierten „Gesetzlein“, die wie im Rosenkranz die wichtigsten Sätze des katholischen Glaubens wiederholten.
  • Das Bürgerrecht war in diesen Zeiten für Juden und für Protestanten nur in begrenztem Umfang und unter besonderen Bedingungen zu bekommen.

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