11. Oktober 2015 um 19:30 im SUB

Dachau in LederhosenSelbst das individuelle Sexualleben versuchten die Nationalsozialisten zu beeinflussen und zu instrumentalisieren, um politische Zwecke und die Übermacht der „Herrenrasse“ durchzusetzen.

Roman Schuler spricht in seinem Vortrag über die Frage nach der „Gleichschaltung“ der Intimsphäre der Bevölkerung und die damit verbundenen Widersprüche innerhalb der nationalsozialistischen Sexualpolitik.

Beispiele sind die Frage nach der Emanzipation der Frau, der sexuellen Aufklärung sowie der rassenpolitisch motivierten Geburtenförderung und Geburtenverhinderung.

Die nationalsozialistische Sexualpolitik war eng verwoben mit deren Rassenpolitik und gipfelte in der Ausgrenzung und massenweisen Ermordung von Menschen, die durch das Regime als nicht lebenswert eingestuft wurden. Mühldorf Faschingszug

In unserer anschließenden Diskussion beleuchten wir auch heutige sexualpolitische Gesetze und Debatten, wie etwa zur „Herdprämie“, zu Schwangerschaftsuntersuchungen, die die Abtreibung behinderter Kinder ermöglichen oder begünstigen, und zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partner/innen.

Roman Schuler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der KZ-Gedenkstätte in Dachau und Autor der Masterarbeit „Gleichschaltung“ der Intimsphäre? – Die Sexualpolitik der Nationalsozialisten.

Kooperation zwischen dem Forum Homosexualität und Geschichte e. V.
und dem Bayerischen Seminar für Politik e. V.
im Sub, Schwules Kommunikationszentrum, Müllerstr. 14

Albert-NS-DOKU-AussenseiterDer Abend war, wie der Überblick in den Tagen vorher mit Albert Knoll im NS-Doku-Zentrum, sorgsam recherchiert und brachte überraschende Tatsachen zu Tage:

Obwohl es klare Führer-Ansage damals war, dass jede deutsche Frau vier Kinder bekommen sollte (wie ein Besucher anmerkte: „Das haben meine Eltern richtig gemacht“) ist die Geburtenrate unter 0,9 gerutscht, denn das Wissen um Not und Kriegsvorbereitungen war doch unterschwellig vorhanden.

Die Sexual-Aufklärung

wurde zwar staatlich geregelt, aber vor lauter Verklemmtheit nicht durchgeführt, denn sie war ja ein Thema des politischen Gegners gewesen: Frauenkreise gegen Strafverfolgung der Abtreibung, Marxistische Arbeiterschulen und aufklärende Teile der Wandervogel-Jugendbewegung und der bündischen Jugend waren weit erfolgreicher gewesen, mussten sich nun aber gegen Übergriffe schützen.

Die Bevölkerungspolitik der Nazis war also gnadenlos gescheitert,

und auch das Ehestands-Darlehen, das je Kind 25% Tilgung für alle möglichen Gutscheine zur Einrichtung beisteuerte, wurde weniger genutzt, weil eine rassische Beurteilung der Ehe und Kinder damit verknüpft war.

Die Verfolgung der Schwulen

war an diesem Abend ein schon bekannter Anteil, der vor allem mit der Angst der Ansteckung argumentierte, von der gelegentlich bis heute, auch in den religiösen Kreisen zu hören ist.

Die Angst, dass eine Ausbreitung, vor allem in der eigenen Parteijugend, in den Kriegsgebieten und in den eigenen Männerkreisen zunehmen könnte, war durch Unterstellungen der Linken besonders geschürt, und wurde dann als Waffe gegen die Andersdenkenden eingesetzt:

Die Reste der Bündischen und Wandervogel-Jugend, der kirchlichen Gruppen und die Orden wurden einfach regelmäßig mit Anzeigen „wegen §175 überzogen, um damit die öffentliche Diffamierung in der Presse und das betretene Schweigen der Angegriffenen zu erreichen.

Nach der Ermordung des SA-Führers Röhm waren die Richtlinien der Verfolgung verschärft worden: Es braucht kein „Vergehen“ mehr, die Homosexualität anzuzeigen, es reichte der Verdacht oder die Denunzitation, wo vorher noch ein tatsächliches „Eindringen in den anderen Körper“ nachweisbar sein sollte.

„Volksgesundheit“

Alle schon vorher von den führenden deutschen Ärzten in der Medizin zur Eugenik, der allmählich mehr erforschten „Volksgesundheit“ geäußerten Vorschläge durch Sterilisation, Absonderung, Internierung sogar bis zur Ermordung, war sogar noch 1935 in der SPD-„Exilregierung“ befürwortet worden, wie ich in den folgenden Tagen noch erfuhr.

Alkoholismus wurde inzwischen einfach zum Volkstum umdeklariert, der Klumpfuss ist tatsächlich mit seinen damaligen TrägerInnen ausgerottet worden, aber viele andere

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